Die Zeitreise ins Mittelalter, in die Zeit der Hanse, beginnt auf dem Deich bei Fuhlehörn auf der Insel Nordstrand. Hier startet die Tour der Nationalpark-Wattführerin Christine Dethleffsen nach Rungholt, dem sagenhaften Ort, der vor 650 Jahren in einer verheerenden Sturmflut von der tosenden Nordsee verschluckt wurde. Die Wanderung mit dem ungewöhnlichen Ziel wird vier bis fünf Stunden dauern und über etwa 14 Kilometer führen. Es wird keine »Sitzpause« geben, und man sollte auf jeden Fall genügend Verpflegung dabei haben.
Als das Wasser abläuft und erste höher liegende Wattbereiche trocken fallen, geht die Gruppe los. Im Westen ist die Hallig Südfall zu sehen. Die große Runde durchs Watt kann nur dann gedreht werden, wenn das Wasser besonders stark abläuft – das nennt man Nipptide. Andernfalls tauchen manche Gebiete gar nicht erst auf oder die Priele auf dem Weg dorthin sind für die Wanderer zum sicheren Durchwaten viel zu tief.
Am »Tonnenstein« beginnt der Bereich ehemaliger Warften. Auf diesen künstlich aufgeworfenen Erdhügeln, die mit vielen Schichten von Grassoden gegen Wind und Wellen gesichert werden und auch bei Sturmflut aus der Nordsee ragen, bauen die Menschen ihre Wohnhäuser. Dort finden sie und ihr Vieh Schutz vor dem steigenden Wasser. Doch im Januar 1362 nützte das nichts: Die »Marcellusflut«, die den Beinamen »Große Mandränke« bekam, riss alles mit sich – Menschen und Tiere, sogar eine ganze Landschaft versanken in der schäumenden See. Mehr als 30 Ortschaften wurden ausgelöscht, eine davon war Rungholt. Wer aufmerksam ist, kann die Warften von einst auch heute noch im Watt ausmachen. Rungholt lag zwischen den heutigen Inseln Nordstrand und  Pellworm. Der Name wurde zum Synonym für die gesamte untergegangene Landschaft, und so wandert man zwischen der Hallig Südfall und Nordstrand nicht nur durchs Watt, sondern mit großer Wahrscheinlichkeit auch über Rungholter Gebiet. Vor der großen Flut war dies ein zusammenhängendes Land – altes Kulturland.
Die Gruppe erreicht ein Areal, in dem im Laufe der Jahre viele Fragmente entdeckt wurden. Scherben zum Beispiel, Knochen und Ziegelsteine. Diese verwendete man damals zum Bau wichtiger Gebäude, etwa für Kirchen. Christine Dethleffsen empfiehlt das NordseeMuseum in Husum, denn an den dort ausgestellten Fundstücken könne man gut nachvollziehen, dass Rungholt ein Handelsort war. Und sie berichtet von damals. Von den Langhäusern, in denen die Menschen mit ihrem Vieh unter einem Dachwohnten. Von den Unwettern, denen die Warften seit jeher ausgesetzt waren. Und vom Vieh, das nach überstandener Sturmflut verdursten konnte, wenn die offenen Zisternen versalzen waren.
Die Rungholter waren wohlhabend.
Das hatten sie dem Salztorf zu verdanken, den sie großflächig im Watt abbauten. Das daraus gewonnene Salz diente zum Würzen und Konservieren von Lebensmitteln und wurde als Zahlungs- und Tauschmittel verwendet. Bis das Unglück über Rungholt hereinbrach …


Zahlreiche Mythen und Legenden ranken sich seit Jahrhunderten um den Untergang. Sie erzählen, dass die Bewohner für ihren Reichtum und ihr sündiges Leben von Gott durch die Naturgewalten bestraft wurden. Manch einer glaubte, der Ort ruhe noch immer unversehrt, wie Atlantis, auf dem Meeresgrund. Schatzsucher machten sich auf den Weg – und gaben ernüchtert wieder auf. In den 1920er Jahren überfiel das »Rungholt-Fieber« auch den Landwirt Andreas Busch. Wann immer er Zeit fand, machte er sich bis zu seinem Tod 1972 systematisch auf die Suche nach dem versunkenen Ort. Südlich von Südfall fand er erste Siedlungsreste. Er entdeckte Brunnenringe, kartografierte die Stellen, dokumentierte die Funde. Dann machte er die Überreste einer Schleuse aus. Auch Wissenschaftler begeben sich auf die Spuren von Rungholt. Vom Flugzeug aus werden mit Hilfe von Spezialkameras markante mittelalterliche Landschaftsprofile sichtbar gemacht. In dänischen Steuererfassungsbüchern aus dem Mittelalter sind Hinweise darauf zu finden, dass der Bezirk Rungholt sehr hohe Steuern an den Dänenkönig gezahlt hat. Der Handel mit Salz war eben sehr einträglich.
Die Frage, wodurch die Katastrophe tatsächlich ausgelöst wurde, können die Wissenschaftler erst allmählich beantworten. Im Mittelalter hatte es bereits vor der Sturmflut extreme Klimaschwankungen gegeben, Unwetter und schlechte Ernten waren die Folgen. Wenige Jahre vor der verheerenden Flut hatte die Pest gewütet und viele Menschenleben gefordert. Wer dachte da noch an die Erhaltung der Deiche? In Datenbanken hat man entdeckt, dass ein schrecklicher Sturm kurz vor dem Unglück bereits große Verwüstungen an der englischen Westküste angerichtet hatte und danach in Richtung Nordfriesland gerollt war. Das war keine normale Sturmflut, denn das Wasser lief auch bei Ebbe überhaupt nicht mehr ab, und bei Flut hielten die Deiche den bis über drei Meter hohen Wellen nicht mehr stand. Doch das war nicht alles: Durch den Torfabbau hatten die Rungholter nachhaltig in die Natur eingegriffen und schwere Wassereinbrüche begünstigt. Und sie wussten damals nicht, dass sie auf einer hügeligen Moränenlandschaft mit losen Meeressedimenten siedelten. Als dann die »Große Mandränke« kam, gab es keine Rettung mehr. Christine Dethleffsen indes bringt die faszinierten Wanderer vom matschigen Meeresgrund sicher zum grünen Deich von Fuhlehörn zurück.

Weitere Informationen unter:
www.nordseetourismus.de
www.watt-wandern.de
www.pellworm.de