Und spätestens ab April scheint auch wieder in Deutschland bei den Helden der Landstraße die Sonne in die Speichen. Die Doping-Skandale der Ära Armstrong & Co haben zwar die Begeisterung für den Profiradsport lange gedämpft, aber die Hobbyradler nie von ihrer Lieblingsbeschäftigung abgehalten. Das größte Radsport-Jedermann- Event der Welt, die Cape Town Cycle Tour, ehemals »Cape Argus«, fasziniert jedes Jahr über 35.000 Pedaleure – darunter viele Biker aus Europa, USA oder Asien. Am 6. März gab es die 38. Auflage des Radklassikers über 110 Kilometer am Kap der Guten Hoffnung. Bereits sechs Mal war Marc Hohner, Fotograf aus Hamburg, am Start. Der Fan des FC St. Pauli reist seit 15 Jahren vom Kiez ans Kap, immer ist das Rennrad im Gepäck. »Die Cape Town Cycle Tour ist ein Highlight, die Strecke entlang der Küste einfach grandios. Und die Stimmung am Straßenrand hat Festivalcharakter – die Leute grillen, treffen sich zu Familienausflügen oder machen Musik und feuern uns an«, begeistert sich der 41-Jährige über die Atmosphäre. Der Run auf die Startplätze ist riesig, vor zwei Jahren waren fast alle 37.000 Plätze nach acht Stunden ausgebucht – ein Ansturm wie beim New York City Marathon für Läufer.
Die Idee der Jedermann-Rennen stammt ursprünglich aus Italien, dort wurde bereits im Jahr 1884 das erste Gran Fondo über 600 Kilometer von Mailand nach Rom ausgetragen. In Italien hat sich eine Jedermann-Serie, die »Gran Fondo«-Rennen, etabliert. Diese Rennen sind zwar den Hobbyfahrern vorbehalten, doch die sportlichen Ambitionen der Topfahrer sind denen der Profis vergleichbar. Inzwischen hat auch der Internationale Radsport-Verband (UCI) erkannt, dass die Menge der Hobbyradler eine Macht ist. Seit dem Jahr 2014 gibt es eine Weltmeisterschafts- Serie der Jedermänner, ab dieser Saison wird die Tour als »UCI Gran Fondo World Series« ausgetragen. Ein Jedermann-Rennen in Deutschland gibt es bislang nicht, und die Veranstalter der größten Events in Deutschland streben das auch nicht an. Kai Rapp, seit 20 Jahren einer der Chef-Organisatoren der Cyclassics in Hamburg: »Bei der UCI Gran Fondo Series steht der sportliche Wettkampf der Teilnehmer im Vordergrund, die Rennen sind ergebnisorientiert. Wir setzen stärker auf den Jedermann-Charakter, haben auch immer kürzere Strecken im Programm, teils ohne Zeitmessung, um wirklich alle Radsportbegeisterten einzubeziehen.«
Der ganz große Ansturm wie vor ein paar Jahren hat sich jedoch etwas gelegt, die Startplätze sind nicht mehr nach wenigen Tagen ausgebucht. Reinald Achilles, Pressesprecher vom Veranstalter der Hamburger Cyclassics und des Berliner Velothon: »Die beiden Events sind mit 20.000 Startern in Hamburg und rund 12.000 in Berlin noch immer die größten Radsportveranstaltungen in Deutschland.« Zudem gibt es laut Kai Rapp »inzwischen rund 30 vergleichbare Jedermann-Veranstaltungen in Deutschland. Als wir 1996 mit den Hamburger Cyclassics anfingen, waren wir die Einzigen«. Das Angebot für ambitionierte Radsportfans wird also größer. Für die »Wannabe-Profi s« ist der German Cycling Cup (GCC) die entsprechende sportliche Herausforderung, international sind es die »Gran Fondo«-Events. Wer es eher entspannt mag, ist beim »Hamburg Ride« ohne Zeitmessung auf der 55-Kilometer-Distanz der Cyclassics richtig. Und wer es bunter mag, radelt in Berlin: Dort wird der Fixie-Szene (mit Ein-Gang-Rädern und starrer Nabe) beim Velothon mit der »Rad Race«-Weltmeisterschaft eine eigene Bühne geboten (www.velothon-berlin.de).


Die allermeisten Deutschen nutzen ihr Fahrrad jedoch für Ausflüge. Der »Fahrrad-Monitor 2015«, der, unterstützt vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur, in Auftrag gegeben wurde, zeigt, dass 30 Prozent ihr Bike für sportliche Aspekte nutzen, aber mehr als doppelt so viele das Rad am liebsten für Touren einsetzen. Die Radreiseanalyse des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs ergab für das vergangene Jahr eine Zahl von fast 5 Millionen Deutschen, die eine Radreise mit mindestens drei Übernachtungen gemacht haben. Das sind 11 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor.
Die meisten nutzen dabei ein Trekkingrad, gefolgt von Mountainbike und Rennrad. Und jedes elfte Rad war bereits mit einem Elektromotor getunt – doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Die E-Bikes scheinen den Radreisen einen zusätzlichen Schub zu geben. Nicht verwunderlich, lassen sich doch weitere Strecken entspannter genießen, Distanzen über 200 Kilometer sind inzwischen mit einer Akkuladung möglich. Die beliebteste Radstrecke 2015 zum zwölften Mal in Folge: der Elberadweg von Cuxhaven bis nach Dresden. Insgesamt rangieren Biketouren am Wasser entlang ganz oben auf der Skala – Ostseeküstenradweg, Main-Radweg, Bodensee-Radweg, Mosel-Radweg, sie alle liegen unter den Top Ten der beliebtesten Radwege. International ganz vorn ist der Donauradweg – ohne größere Höhen und Tiefen geht er am Fluss entlang. Beim Klassiker, der Via Claudia Augusta, die auf dem zweiten Platz folgt, kommen auch Berge ins Spiel. Die alte Römerstraße von Donauwörth bis an die Adria ist zwar die leichteste Variante, die Alpen per Rad zu überqueren, aber einige steile Passagen am Reschenpass (1504 Meter) muss man schon bezwingen. Wer hier ein E-Bike hat, ist ganz klar im Vorteil…

Good to know:

E-Bikes heben ab – Über 520.000 Elektro-Bikes wurden 2015 in Deutschland verkauft, so die Angaben des Zweirad-Industrie-Verbands (ZIV). Und die Auswahl ist um ein Drittel gestiegen: Zwischen 600 verschiedenen Modellen mit Elektroantrieb lässt sich inzwischen wählen. Die meisten Räder kosten zwischen 2500 und 4000 Euro, für manches Rad würde man allerdings auch einen veritablen Mittelklassewagen bekommen – das futuristische »Trefecta URB-Highend«-Bike kostet stattliche 22.500 Euro.