Neulich machte ich einen Selbsttest, den ich im Internet unter dem Stichwort »Life-Balance-Check« gefunden hatte. Initiator war eine Krankenkasse. Ich sollte herausfinden, ob ich mein inneres Gleichgewicht halten kann (wenn ich denn eins habe) oder ob Nachholbedarf auf diesem Gebiet besteht. Von zehn Fragen – u. a. zu Stressabbau und Entspannungstechniken – beantwortete ich lediglich vier richtig. Die Auswertung ergab, dass die Arbeit in meinem Leben eine zu große Rolle spielen könnte, wenn ich diese als Belastung empfinden würde. Ich erhielt den Tipp, mir mehr Zeit für Familie, Freunde und Bewegung zu nehmen und meine Freizeit am besten fest im Terminkalender einzuplanen. Nun ja. Der erste Satz jedoch ließ mich aufhorchen: »… wenn ich diese als Belastung empfinden würde. « Logisch. Wenn ich einen Beruf habe, den ich mag, nette Kollegen und Kolleginnen und einen Arbeitsplatz, an dem ich mich wohlfühle, macht es mir nichts aus, in bestimmten Hoch-Zeiten auch mal länger zu arbeiten und nach Feierabend erreichbar zu sein. Vorausgesetzt natürlich, dass diese hoch gesteckten Ziele nicht zur neuen Messlatte werden. Wenn ich allerdings morgens eher widerwillig in den Job gehe, sind schon 60 Minuten eine Stunde zu viel. Viele Faktoren sind für die Work-Life-Balance eines jeden Einzelnen entscheidend. Die jeweiligen Leistungsgrenzen sind dabei sehr unterschiedlich. Während sich der eine Arbeitskollege angesichts der gestellten Aufgabe überfordert fühlt, empfindet der andere positiven Stress, ist gespannt und legt sich mit Spaß an der Sache ins Zeug. »Work-Life-Balance bedeutet«, so das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, »eine neue, intelligente Verzahnung von Arbeits- und Privatleben vor dem Hintergrund einer veränderten und sich dynamisch verändernden Arbeits- und Lebenswelt …«

Hier geht es also darum, Raum für die verschiedenen und sich beständig wandelnden Anforderungen einer Lebensführung zu schaffen, die mich ganz persönlich glücklich macht und erfüllt – und diese dann auch möglichst zu erhalten. Die Erfahrung lehrt, dass die perfekte, hundertprozentige Balance eine Illusion ist. Natürlich ist man manchmal unausgeglichen und/ oder unzufrieden. Beides kann auch Motor für Veränderung sein. Wenn ich mich in einer Lebensphase befinde, die meine volle Aufmerksamkeit verlangt – meine Eltern sind krank, ich muss einen Artikel schreiben und bin spät dran etc. –, spielen andere Dinge keine Rolle. Dann ist der Doppelkopfabend mit meinen Nachbarinnen purer Luxus, für den ich jetzt einfach keine Zeit habe. Mich dazu zu zwingen, würde nur noch mehr Stress bedeuten. Wichtig ist, für Entspannung und Abwechslung zu sorgen, sobald die Phase der Anspannung vorüber ist. Das können zum Beispiel ein paar Ferientage sein, ein Spaziergang am Wochenende oder etwas anderes Schönes, das man gern macht. Wenn man die aktuelle Situation oder Phase, in der man sich befindet, annimmt, dabei die eigene Kraft und Energie wahrnimmt und zwischendurch kurze Pausen macht, findet man auch seinen eigenen Rhythmus. »Aus der Arbeitswissenschaft ist bekannt, dass häufige kurze Pausen sinnvoller sind als wenige lange«, bestätigt Lutz Hertel, Dipl.-Psychologe und Geschäftsführender Vorsitzender des Deutschen Wellness Verbands e. V. »Zwei bis drei Tage Auszeit in einem Wellnesshotel alle vier bis sechs Wochen sind ein guter Weg …« Meine eigene Belohnung für das nächste Wochenende heißt: Pilzesammeln und Wandern mit Freundinnen im Wendland. Und auf die Yoga-am-Berg-Woche im Spätherbst freue ich mich schon jetzt.